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BST: VIOSILENCE

"Musik?" Die Verfertigung der Klänge beim Spielen, wie MC Kleist gesagt hat. Die Farben nicht auf der Palette mischen, sondern auf der Leinwand. Vorgemischt sind sie allerdings: Cello, Gitarre, Geige, elektrisch verstärkt, aber nie gestimmt bei uns, keine Tonarten, keine Melodien, keine Harmonien - keine Absprachen, aber Routinen und Rituale. Die Hände: Teile der Instrumente, auf der Suche nach dem, was sonst eher nicht aus ihnen klingt.
Zu hören, wie gespielt, keine Dubs, keine Musikmaschinen, No Electronics, keine Nachmischung; altes Musikerhandwerk, simply amplified. Handwerk, Stückwerk, Machwerk; nicht unbedingt Bauwerk, vielmehr "Abriß der Musik", "Aufriß der Hörpläne"...
Strings gespannt zwischen Violence and Silence; mit viel Kollophonium an den Fühlern...VIOSILENCE...ganz schönes Wort...so get it, Gangsta Ear...

Musik: Walter Berger / Christian Schaeffer / Klaus Theweleit

Tracks:
1) Guignols Band 5:31
2) Alienoise 14:15
3) Tear Mail 10:08
4) Child runs the Voodoo down 3:28
5) Soul Readymade #7 4:54
6) Best off 2:02
7) Panzerknacker Potemkin 5:07
8) Not so bad 0:19

BST
VIOSILENCE
Audio-CD, 50 Minuten
ISBN 3-932513-24-X
EUR 16,80

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Stimmen der Kritik:

"Wahrlich eine Überraschung! Eine atemberaubende Platte, ein totaler Knaller, ein nicht für möglich gehaltener dritter (oder siebter) Weg freier Musik. Sehr, sehr rabaukig, ohne in fixe Gesten der Gewalt einzuschnappen. Das Brachiale entsteht nicht durch Selbstvereinfachung, sondern auf die entgegengesetzte Weise: laute komplizierte Zustände des Kollegen aushalten ohne dabei selber Ruhe zu geben. Die viel zitierte Intensität des Free Jazz ganz ohne dessen Floskeln, und natürlich auch ohne die Probleme, Fortschritte und Verfeinerungen einer öffentlich mit sich selbst beschäftigten Profi-Improv-Szene: im Moment der extremen Freiheit in den Psycho-Tank gesperrt und dort 30 Jahre sich selbst überlassen. Dass ihnen die Puste nicht ausgeht, liegt daran, daß sie nicht blasen, sondern streichen (schlauer Trick!)" (Diedrich Diederichsen, Der Tagesspiegel)

"Klaus Theweleit und seine Band BST - was für die Namen der Musiker steht, Berger/Schaeffer/Theweleit - spielen Free Jazz. Jene Spielart der improvisierten Musik, die am radikalsten dem Jetzt verpflichtet ist, der Interaktion zwischen den Beteiligten. Jene Musik, die mitunter auch als Absolute Musik bezeichnet wird, da sie sich am stärksten der Kommunikation mit dem nichtmusikalischen Außen verweigert. Eine Musik, die sich ständig dem Risiko aussetzt zu scheitern, einfach nur Krach zu sein. Sie funktioniert über eine Mischung aus Routine und Spontanität. Der eine macht was, der andere macht was, und das Ganze fließt oder es fließt eben nicht. Deshalb kann man über Free Jazz eigentlich auch nur Anekdoten erzählen, große historische Bögen ziehen oder mächtige Theorien entwickeln. Über konkrete Platten bleibt meist wenig zu sagen außer: Intensiv. Oder: So ähnlich wie ... Oder: nicht ganz so wie bei der letzten Platte. Über Viosilence von BST könnte man sagen, sie höre sich an, als würden die drei Musiker Bläser benutzen, obwohl sie es gar nicht tun. Es sind Saiteninstrumente, nur mit dem Bogen gestrichen und verzerrt. Knallt aber wie ... - und schon ist man wieder beim Vergleich. Nun fällt Viosilence nicht vom Himmel. Drei CDs hat Theweleit beim Kölner supposé-Verlag herausgebracht. Ekstasen der Zeitenmischung über Geschichtsdarstellungen bei Arno Schmidt, Ezra Pound und Hilda Doolittle, Jean Luc-Godard und einigen mehr und Das RAF-Gespenst sind die beiden anderen. Beides sind Aufnahmen von Vorträgen Theweleits im Berliner Ensemble. Und auf die Gefahr hin, Viosilence Gewalt anzutun, genau das zu machen, dem sich diese Musik eigentlich verweigert - man kann die Platten auf einer gemeinsamen Karte einzeichnen. Das RAF-Gespenst ist ein autobiografischer Essay über die RAF. Über Theweleits Kindheit und Jugend als Sohn von Vertriebenen in Schleswig-Holstein, über die Schwierigkeiten, in den Fünfzigern eine Sprache zu finden, darüber, wie die Protagonisten der Studentenbewegung schließlich über Pop und Politik ein Gegensprechen entwickeln, ein Durcheinandersprechen. Darüber aber auch, wie sich diese Sprache in den frühen Siebzigern wieder homogenisiert, K-Gruppen entstehen, die RAF gründet sich. Die Sprachexplosion der Sechziger wird zurückgenommen, Zusammenhänge lösen sich auf, auf einmal wird man auf der Straße nicht mehr gegrüßt, eine Logik des Verrats setzt ein. Hier kommt die Musik ins Spiel. Denn parallel zu dem Rückzug ins Semiprivate, die den SDS-Aktivisten in einen schreibenden Familienvater verwandelt, fangen Theweleit und andere an, Musik zu machen. So wie er den Bruch beschreibt, der in den frühen Siebzigern die Linke durchzog - schließe ich mich einer autoritären Gruppe an oder nicht? -, ist es nur logisch, dass er sich Free Jazz zum Modell eines emanzipatorischen Weitermachens heranzog. Während in den K-Gruppen oder der RAF Strukturen von Befehl und Gehorsam eingesetzt wurden, bot etwa das Art Ensemble Of Chicago Möglichkeiten des hierachiefreien Durcheinanders an. Kein Bandleader, keine Vorgaben, all das aber in dem Wissen, ein Kind der Geschichte zu sein - das perfekte Role Model für Linke in der Krise. Ein Modell allerdings auch, das ohne Pop-Appeal auskommt. Wenn Theweleit in seinem Vortrag die Politik der RAF beschreibt als ein 'sich mit anderen verwechseln', so ist dies genau der Imperativ, der der Musik von BST zu Grunde liegt: sich nicht mit anderen zu verwechseln. Und wenn man heute in Terroristen-Modestrecken herumblättert, Terroristen-Romane zur Hand nimmt oder Terroristen-Pop hört, könnte man glatt zu dem Eindruck kommen, genau dies sei das Schicksal des RAF-Gespenstes: Selbst bis ans Ende aller Tage verwechselt zu werden. Mit dem Antichristen, dem Erlöser, dem Sex-Symbol, dem Erben der 68er-Revolte. Vielleicht irgendwann einmal sogar mit einem Nationalhelden. Die Hauptstraße von Harlem heißt schließlich auch Malcolm X Boulevard und der wichtigste deutsche Literaturpreis nach Georg Büchner. Das wird BST nicht passieren. What you hear is what you get. Ein Klavier, ein Schlagzeug, darüber sperrige Soundcluster. Und eine Stimme, die nach dem letzten Stück lacht und sagt: 'Not so bad'." (Tobias Rapp, die tageszeitung)

"German players Walter Berger, Christian Schaeffer and Klaus Theweleit brew up a thick aural porridge with their grinding, scraping and pounding, and achieve the Blue Cheer effect of quickly clogging up the listening space until the listener suffocates. They do it with stringed instruments, woodwinds, percussion and piano. The heavily rosined cello strings generate enough vibrating harmonics to make even Tony Conrad choke on his knish. BST stress their affinities with American jazz musicians, paying their respects to Ayler, Miles Davis, Don Cherry, and Sun Ra. Well, if we're talking stringed instrument free players of genius, you might prefer Alan Silva, Leroy Jenkins, or Ornette Coleman on the violin. BST may not possess one iota of the lightness of touch, the grace, the speed, or the freedom of the musicians they namecheck so promiscuously, but they do have an endearing earthy punk jazz simplicity. In fairness, the BST project is not to emulate free jazz - it is deconstruction, 'a demolition of musical plans'. They admit their music can be a painful listening experience. Their formless blasts certainly habe feral energy and gusto, like a garage group playing Heavy Metal. Indeed, many of these in yer face recordings quickly transcend their beginnings; acoustic Improv mutates into a Motorhead live LP. Sleeve art alludes to the German Expressionist painters Ernst Ludwig Kirchner und Emil Nolde, whose oil paintings were naive and clumsy, but painfully honest; this music aapires to the same directness of that movement, even if they players are sometimes blocked by their own gleeful, noisy ineptness, like painters swamped in impasto." (The Wire, London)

"Viosilence ist kein Free Jazz, sondern Klangkombinatorik der rabiatesten Sorte. Echter Herzbrecher!" (Auf Abwegen)

"Es ist nicht so, dass irgendeine Ordnung mit schroffer Geste destruiert werden müsste. Das liegt vor allem daran, dass sich in den Sound-Feldern von BST erst gar keine erkennbaren, in sich hierarchisierten Ordnungsmuster verfestigen. 'Strukturen entstehen immer', sagt Theweleit. Nur werden sie bei BST nicht gehärtet und fixiert. Sie verschwinden mit ihrem Entstehen, sie lösen sich in ihrer Entwicklung auf. Wobei das auf denkbar hohem Energie-Niveau abläuft. Man muss diese Musik sehr laut hören! Und Noise ist gar kein Ausdruck für das, was dabei entsteht..." (Peter Laudenbach, Tagesspiegel Berlin)

"Super-sonisch" (Thomas Meinecke, DIE ZEIT)

"Musik hat auf Klaus Theweleits Schreibpraxis einen gewichtigen Einfluss. Musik-Exegese und Gesellschaftskritik sind für ihn eng verknüpft, das Klacken der Tastatur ist ihm ebenso Musik wie Klang gewordene Sprache. Theweleit hat den Anspruch, musikalisch zu schreiben. Dass er nicht nur das 'Wörterkeyboard' beherrscht, demonstriert Klaus Theweleit mit seiner Free-Jazz-Band BST." (20.21 Galerie)

"Theweleit steigt mit einigen Freiburger Companeros in den Keller, um Black Music zu improvisieren, mit eigentümlich zeitenthobenen Resultaten, aber - nun mal ehrlich, ihr KulturwissenschaftlerInnen! - wer kann schon behaupten, sein Professor, seine Professorin betreibe im Keller Free Jazz?" (Ulrich Kriest, Intro)