Arnold Schönberg
Dear Miss Silvers
Originaltonaufnahmen 1931-1951
Herausgegeben von Klaus Sander
unter Mitarbeit von Eike Fess und Therese Muxeneder
(Arnold Schönberg Center, Wien)
Produktion: supposé 2007

Box mit 2 Audio-CDs, 156 Minuten
und Booklet, 60 Seiten
ISBN 978-3-932513-74-9
Euro 34,80

BESTELLUNG

"Ich mache diesem Unterhaltungsdelirium gegenüber das Recht einer Minderheit geltend: Man muss auch die notwendigen Dinge verbreiten können, nicht bloß die überflüssigen... Neue Musik ist niemals von allem Anfang an schön."
Aus diesen harschen Worten Arnold Schönbergs gegen die aufkommenden Massenmedien spricht gleichermaßen die Gewissheit des Visionärs wie die Selbstverteidigung des durch zahlreiche Anfeindungen gegen seine Musik und Person Verletzten. Dennoch kommt er rückblickend zu einem verblüffenden Resümee seines künstlerischen Lebensweges: "Bitte halten Sie es nicht für falsche Bescheidenheit, wenn ich sage: Es mag ein Werk sein, aber der Dank dafür gebührt nicht mir. Der Dank gebührt meinen Gegnern. Sie waren es, die mir am meisten geholfen haben."
Nur wenige Originaltonaufnahmen sind von Arnold Schönberg erhalten. Es macht den besonderen Charme dieser Sammlung aus, dass nicht nur öffentliche Reden, Radiovorträge, Interviews und sogar ein Probenmitschnitt Eingang gefunden haben, sondern auch private Aufnahmen wie Briefdiktate und satirische Geschichten, die er seinen Kindern erzählte. Möglich war dies, da Schönberg zu seinem 72. Geburtstag von seiner Schülerin Clara Silvers einen "Webster Wire Recorder" geschenkt bekam, den er vor allem als Diktiergerät benutzte und von dem noch einige Drahtspulen existieren. So begegnen wir in "Dear Miss Silvers" einem humorvollen Vater, anteilnehmenden Freund, überzeugenden Lehrer, einem der letzten Zeugen einer untergegangenen Epoche und einer der einflussreichsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts: dem großen Komponisten Arnold Schönberg.
Komplettiert wird diese einzigartige Ausgabe durch ein 60-seitiges Booklet, das neben zahlreichen Fotos Erläuterungen und Transkriptionen zu den einzelnen Aufnahmen sowie deutsche Übersetzungen der englischen Passagen enthält.

CD1
1 Test 0:20
2 Was aber sage ich? 1:36
3 Meine Bestimmung 1:54
4 Das Recht einer Minderheit 4:10
5 Über die "Variationen für Orchester op. 31" 7:16
6 Museum talk on painting 9:38
7 To the San Francisco roundtable of modern art 15:37
8 Boiling water speech 4:20
9 Tribute to George Gershwin 1:08
10 Probe "Kol Nidre op. 39" 3:41
11 Letter to Clara Silvers 2:06
12 Brief an Georg Schönberg 4:10
13 Brief an Oskar Adler 3:43
14 Brief an Josef Rufer 2:05
15 Patience Napoléon 10:48
16 Afrika 3:22

CD2
1-3 Seminar in Sound 31:29
4-6 My Evolution 47:03

Stimmen der Kritik:

"O-Töne eines Zwölftöners: Gleich der Anfang der ersten CD, ein "Test" benannter, 20 Sekunden langer Tonbandschnipsel, dokumentiert wunderbar beiläufig Schönbergs Denken. Aufgefordert "irgendetwas" zu sagen, eben als Aufnahmetest, antwortet der Komponist spontan: "Irgendetwas ist immer viel schwerer als etwas." In sieben Worten fasst er hier sein Credo zusammen: Gegen Beliebigkeit, als schlechte Freiheit des Irgendetwas ohne innere Notwendigkeit, hat er zeitlebens gekämpft. Seine Zwölftonmusik war auch der Versuch, dem Irgendetwas zu entkkommen und die Musik am Reich der Vernunft teilhaben zu lassen." (Gerhard Uebele, Jüdische Allgemeine)

Hörbuch der Woche (Die Presse, 22. September 2007)

"Auf dieser wundervollen, mit ausführlichem Booklet ausgestatteten Doppel-CD ficht Schönberg wortreich für das Schwierige, den Hörer Herausfordernde und gibt mit aller Deutlichkeit zu verstehen, alles andere als leichten Ohrenschmaus liefern zu wollen. Sperrig ist sie bisweilen, die Schönbergsche Musik, aber beredt ihr Erfinder..." (Knut Cordsen, Bayern 2 Radio, Fünfzehn-Fünf)

Platz 2 der hr2-Hörbuchbestenliste (Oktober 2007)

"Wie messerscharf sein Verstand ist, wie angenehm seine altmodische Höflichkeit und wie einnehmend sein Dialekt, merkt man, sobald das Tonband in Schönbergs Exilhaus in Brentwood Park zu laufen beginnt. Dear Miss Silvers bietet einen profunden Einstieg in Schönbergs professionelle Werkstatt wie auch eine Einführung in seinen Witz..." (Mirko Weber, DIE ZEIT)

"Eine musikhistorische Entdeckung" (Cornelia Niedermeier, Der Standard)

"Dear Miss Silvers ergibt ein akustisches Puzzle, einen intensiven Eindruck des Komponisten." (Tim Schomacker, konkret)

"Schönberg fand offenbar großen Gefallen an seinem koffergroßen Rekorder, denn er benutzte ihn nicht nur als Diktiergerät, sondern nahm damit in seinem letzten Lebensjahr auch kleine Geschichten auf. Seine Stimme klingt schon sehr alt, und ein halbes Jahrhundert knistert mit, wenn er herzliche Briefe an Freunde diktiert oder politische Satiren erzählt. Ganz anders hört sich sein Sprechduktus in den frühen 30er-Jahren an, als er sich in Radiovorträgen mit seinen Kritikern oder mit den Massenmedien auseinandersetzte. Schönberg, der mit der Aufführung seiner Werke immer wieder Skandale auslöste, muss sich als Erforscher atonaler Klangwelten oft einsam vorgekommen sein. Wenn er sich mitten im Interview ans Klavier setzt, um seine Gedanken hörbar zu machen, wird die Leidenschaft spürbar, mit der er versuchte, seine Ideen zu vermitteln. "Trude, mach keinen Lärm, sonst wirst du aufgenommen", ruft er in wienerisch gefärbtem Englisch seiner Frau zu, bevor er darüber nachdenkt, was für ihn Fortschritt in der Musikgeschichte bedeutet. Der unwissenschaftliche, sinnliche Zugang zu diesem eigenwilligen Denker ist reizvoll. Es ist eindrücklich und berührend, zu hören, wie sich seine Sprechweise in den späten Aufnahmen langsam verwischt, ohne die gedankliche Klarheit zu verlieren. Mit welchem Eifer er seine Mission bis zum Schluss verfolgte, dokumentiert ein Briefdiktat vom März 1951: Einige Monate vor seinem Tod ruft er seinem Sohn Georg drängend durchs Mikrofon zu, wie er die Vorlagen seiner Partituren anzufertigen habe. Dazwischen fragt er, ohne den Tonfall zu ändern, ob das Wäschepaket auch angekommen sei, und schließt dann unvermittelt: "Ich muss heute noch sehr viele Briefe schreiben, also dir und deiner Frau herzliche Grüße, dein Arnold." (Irene Grüter, die tageszeitung)

"Vielen ist Arnold Schönbergs "atonale" Musik, die er selbst lieber als "atonikale Musik" bezeichnete, fremd. Und diese Abwehr führt beim musikliebenden, doch breiten Publikum dazu, dass sie keinen Bezug zu Arnold Schönberg als Person herstellen. Das ist bedauerlich, denn Schönberg, der 1874 in Wien geboren wurde, ging zunächst keineswegs auf den üblichen Wegen eines Künstlers am Ende des 19. Jahrhunderts. Schönberg war Autodidakt, der nach dem frühen Tod seines Vaters gezwungen war, als Angestellter in einer Bank den Lebensunterhalt seiner Mutter und der Geschwister zu verdienen. Die vom supposé-Verlag zusammengestellten Tondokumente bieten nun die Möglichkeit, sich Arnold Schönberg selbst zu nähern und verzaubert zu sein, von der Sprache dieses Komponisten, diesem schnarrend Wienerischen der K.u.K.-Zeit, das sich heute nirgendwo mehr hören lässt." (DIE WELT)