Hubert Fichte

Gott ist ein Mathematiker

Annäherungen an die traditionelle Psychiatrie in Togo
Herausgegeben von Nils Röller und Klaus Sander
Produktion: supposé 2000

Audio-CD, 60 Minuten
ISBN 978-3-932513-21-3
EUR 16,80

Beschreibung

Gott ist ein Mathematiker – unter diesem verblüffenden Titel hat Hubert Fichte (1935–1986) ein Hörstück über Bewußtseinsstudien in Afrika verfaßt. Er stellt Methoden zur Heilung psychisch Kranker, die mit Elektroschocks und Medikamenten operieren, der traditionellen Heilmethode des Afrikaners Messanvi Sessou von der Westküste des schwarzen Kontinents gegenüber. Sessou untersucht zunächst, ob der Kranke sich an die rituellen und magischen Gesetze seiner Umgebung gehalten hat. Diese Methode ist erfolgreich. Sie gelingt aber nur, weil sie den Kranken und seine Umgebung als individuelles System begreift, das entsprechend sprachlicher und botanischer Gesetze verschlüsselt ist. Die Kenntnis der individuellen Sprachen Afrikas ist eine angewandte Form der Mathematik.

“Irre sein und Irre heilen wird beides in sprachlichen Systemen abgebildet.
Irrsinn drückt sich immer auch in Sprache aus.
Sprachverweigerung ist Teil des Irrsinns.
Das Irresein diagnostizieren bedeutet immer auch, den Irren zu verstehen.
Ihn heilen zu wollen, ohne zu ihm zu sprechen, ist ein Irrsinn zweiten Grades.”

Die vorliegende Originalaufnahme entstand wie auch der gleichnamige Text Anfang der 80er Jahre. Auf der CD enthalten sind 36 Tracks, wobei die Indizierung der gesprochenen Stücke der Unterteilung des Typoskripts folgt. Zu ihrer Kontrastierung hat Fichte Auszüge aus den Madrigali Erotici von Claudio Monteverdi von Schallplatte eingespielt.

Hörprobe

Track 15

Pressestimmen

"Der Autor, der als Jugendlicher Schauspielunterricht genommen hatte, liest ruhig, fast getragen. Er argumentiert, aber er verwischt auch die Grenze von Logik und Magie. Fast scheint er den Pflanzenheilern, die er beschreibt, ähnlich zu werden. Einer, der kraft seiner Stimme die Europäer aus der Sackgasse ihrer Überheblichkeit führt. Heilung durch Magie, Homosexualität in anderen Gesellschaften, Pflanzenkunde und eine Kritik der klassischen Ethnologie – all das findet sich auf dieser CD. Themen, die in seinem großen Spätwerk Die Geschichte der Empfindlichkeit immer wieder auftauchen. Aber halt auch Themen, mit denen er sich ebenso am Rande der Gesellschaft befand wie bei seinen Interviews mit Prostituierten, Strichern und Bordellinhabern. Und das macht diese zwei CDs 15 Jahre nach dem Tod des Autors nicht nur für seine Bewunderer zu einem spannenden Hörerlebnis."
Bayerischer Rundfunk, mk-Magazin für Medienkunst

"Fichte interpretiert nicht, er suggeriert nicht, er lässt den anderen sprechen und vermittelt das Gefühl, daß die Situation nicht ausgeschlachtet wird. Darum ist auch in den Stimmen der Stricher nichts Aufgeregtes, kein Gefühl, dass man jetzt sein ‘Fünf-Minuten-Berühmt-und-Wichtig-Sein’ erlebt. Das ist unspektakulär, nüchtern und unglamourös – legt aber den Blick frei auf die Ungeheuerlichkeiten, die etwa Ulli erzählt... Fichte strebt aber über Hamburg hinaus. Die Reisen, die er unternimmt, führen ihn durch Afrika, Süd- und Lateinamerika und New York. Anfang der 80er Jahre entsteht Gott ist ein Mathematiker. Der Unterschied zu den St. Pauli Interviews könnte nicht größer sein, nicht nur weil es sich nicht um Interviews handelt... Wenn es einen Zusammenhang zwischen St. Pauli und Afrika gibt, dann durch die Person Fichtes, durch diese entschlossene Behutsamkeit, sich dem jeweiligen Gegenstand zu nähern. Fichte wiederum stilisiert sich aber nicht als Demiurg, der die Dinge im Griff hat. Was evident wird, ist das Disparate, die Distanz, die Uneinholbarkeit bestimmter Erfahrungen. Es bleibt aber auch die Möglichkeit, uns, die Hörer, daran teilhaben zu lassen..."
SPEX

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